IFRA-Restriktionen, Kostenoptimierung und der Realitätsverlust der Parfümerie.
Grundlagen & Phänomen
Viele Duftliebhaber beklagen, dass Düfte heutzutage nicht mehr so lange halten wie früher („Die guten alten Zeiten“). Oft wird dies der Reformulierung zugeschoben. Tatsächlich ist es ein komplexes Zusammenspiel aus sicherheitsbedingter Inhaltsentfernung, billigerer Formulierung und verändertem Verbraucherverhalten.
Neue Versionen oder moderne Düfte halten oft nur 4–6h.
Der Verdacht: „Wasser“ wird aufgetragen statt Parfüm.
Ursache 1: IFRA-Restriktionen
Der wichtigste Grund für Haltbarkeitsverlust bei klassischen Düften ist die Entfernung bestimmter Inhaltsstoffe durch die IFRA (International Fragrance Association) aufgrund von Sicherheitsbedenken (Allergene, Toxizität).
Die „verbotenen“ Super-Fixierer
Nitromoschus: War früher das ultimative Fixiermittel. Extrem langanhaltend, aber krebsverdächtig. Heute verboten (oder extrem limitiert). Wird oft durch synthetischen Moschus ersetzt, der weniger substanziv ist.
Eichenmoos: Ein Haltbarkeits-Genius. Wurde wegen Allergiepotential stark reguliert. Wird oft durch Evernyl oder synthetische Moos-Noten ersetzt, die weniger „Körper“ geben.
Bergapten: Lichtschutzfaktor in Zitrusölen. Wurde wegen Phototoxizität begrenzt. Weniger Bergapten = weniger „schwere“ Basisnote.
Diese Entfernungen „schwächen“ das Fundament des Duftes. Es fehlen die Anker, die früher den Duft auf der Haut festhielten.
Ursache 2: Kostenoptimierung
In der Massenproduktion (Mainstream) wird der Preis pro Flakon als kritischste Größe gesehen. Haltbarkeit kostet Geld (teure Rohstoffe, hohe Konzentration).
Strategien der Hersteller
Weniger Öl, mehr Alkohol: Die Konzentration wird marginal reduziert (z.B. von 12% auf 9%). Das ist kaum riechbar, aber halbiert die Haltbarkeit oft signifikant.
Billige Synthetik statt teurer Natur: Statt Vetiver oder Ambra-Verbindungen werden billige Iso E Super oder Ambroxan-Verdünnungen genutzt. Sie haben hohe Projektion, aber keine echte Tiefe (Haltbarkeit auf der Haut sinkt).
Verzicht auf Fixatoren: Harze, Balsame und Komplex-Ester sind teuer. Entfernt man sie, riecht der Duft am Anfang ähnlich, verfliegt aber schneller.
Der „Wasser-Kritik“ liegt oft hier: Ein duft mit 10% Konzentration fühlt sich wie verdünnt.
Ursache 3: Chemie & Fixierung
Die chemische Kunst der Fixierung (Verlangsamung der Verdunstung) ist teuer und anspruchsvoll.
Das „Festnagel“-Problem
Klassische Fixatoren: Galbanum, Benzoe, Labdanum, Ambergris. Diese sind „schwer“ und verankern die leichten Kopfnoten auf der Haut.
Moderner Verzicht: Viele moderne Düfte (Loud Scents) basieren fast nur auf Moleküle mit hoher Flüchtigkeit (Ambroxan, Iso E Super) und viel Alkohol. Sie sprühen fein (misty), verdunsten aber rasant („Head-only-Duft“).
Technologie: Es gibt neue Fixiermoleküle (z.B. Iso E Super als Fixator), aber sie sind oft teurer als Alkohol.
Ursache 4: Modernisierung (Safe Scents)
Der Trend geht zu „Sauberkeit“ und „Sicherheit“. Dies steht im Konflikt zur Haltbarkeit.
Sauber vs. Substanz
Saubere Düfte: Oft extrem hohe Projektion („Loud“), aber geringe substantivische Haltbarkeit (4–5h). Sie sollen „hier und jetzt“ auffallen, nicht stundenlang andauern.
Verhaltensänderung: Menschen duften sich heute öfter nach. Vorher duftete man sich morgens und es musste bis abends halten. Heute „refreshen“ viele nachmittags erneut. Dies senkt den Marktdruck auf Langzeithaltbarkeit.
Ist der Duft ein Klassiker (Chypre/Old Spice)? → IFRA-Einfluss hoch.
Ist es ein „Loud Scent“ (PDM)? → Oft hohe Projektion, aber geringe Substanz.
Test auf Haut: Hält er über 6h auf Kleidung?
Sonst: Upgrade auf Extrait (Parfum) wählen.
Mini-Case: „Wasseriger“ Blockbuster
Problem: Ein beliebter Designer-Duft hält nur 3h. Ursache: Reduzierung der Ölmenge auf 5-8% (Kosten). Lösung: Wechsel zur EDP-Version oder Parfum-Version (wenn vorhanden) für höhere Konzentration.
Troubleshooting
Duft verfliegt sofort → Kopfnote-Dominant, Basis zu schwach.
Duft hält auf Kleidung nicht → Zu leichte Moleküle (Synthetik ohne Fixierer).
Fazit & Ausblick
Der Haltbarkeitsverlust ist keine Einbildung, aber auch nicht nur die Schuld „der bösen Industrie“. Er ist ein Kompromiss aus Sicherheit (IFRA), Wirtschaftlichkeit (Massenmarkt) und Lifestyle (Refreshen). Wer maximale Haltbarkeit sucht, muss auf alte Klassiker, Nischen-Parfüms (Extrakte) oder teure Rohstoffe (Ambra, Oud) zurückgreifen. Die Norm wird immer leichter bleiben.
FAQ
Warum halten Düfte nicht mehr so lange wie früher?
IFRA-Regulierungen verbannen starke Fixierer (Nitromoschus). Zudem senkt der Massenmarkt die Konzentration aus Kostengründen. Der Trend geht zu „Freshness“, die per se flüchtig ist.
Sind Reformulierungen immer schlechter?
Nicht unbedingt. Sie werden sicherer (weniger Allergene). Aber die Haltbarkeit leidet oft darunter, da bestimmte Substanzen (Eichenmoos) fehlen.
Wie verlängere ich die Haltbarkeit?
Statt EdT EDP oder Parfum nutzen. Schichten („Layering“) mit einem unparfümierten Öl (z.B. Jojoba) als Basis kann helfen. Kleidung betupfen statt Haut (weniger Körperwärme).