Erdig-Raumige Wurzeln: Der Gras-Duft und Chypre-Baustein.
Grundlagen & Definition
Vetiver (wissenschaftlich *Chrysopogon zizanioides*, ein indisches Zitronengras) ist ein duftender Wurzelstock. In der Parfümerie ist Vetiver einer der wichtigsten und vielseitigsten Inhaltsstoffe. Er gilt als „Erdig“ und „Rauchig“, ist aber auch holzig und ölrig. Er ist der unverzichtbare Bestandteil der Familie Chypre und ein klassisches Element in Herrenparfüms („Green Scents“).
Das Duftprofil
Erdig: Erinnert an Waldboden, Wurzeln, feuchte Erde.
Rauchig/Teerig: Insbesondere haitianisches Vetiver hat einen scharfen, fast nach Tabak-Teer riechenden Unterton.
Holzig: Trocken, wie Zedernholz.
Grasig: Eine frische, aber schwere Grasnote (im Gegensatz zur leichten Zitrus-Note).
Vetiver ist ein „Baustein“, der Düften Tiefe und Substanz gibt.
Chemie & Biologie
Vetiver ist ein Gras, aber das Öl wird nicht aus den Halmen, sondern aus dem Wurzelstock (Rhizom) gewonnen.
Die Hauptmoleküle
Khusimol: Ein Sesquiterpen-Alkohol. Das Hauptmolekül für den holzigen, krautigen Charakter.
Khusimone: Ein Sesquiterpen-Keton. Verleiht den rauchigen, metallischen Unterton.
Vetiver-Acetat: (oft synthetisch) Verleiht eine apfelartige, grüne Frische.
Der Begriff „Khus“ (oder „Khus Oil“) wird oft für den öligsten, dunkelsten Extrakt verwendet („Vetiver Enrassé“).
Typen & Herkunft
Vetiver wird primär in tropischen Gebieten angebaut. Der Boden und das Klima haben massiven Einfluss auf den Geruch.
Die Hauptsorten
Haitianisches Vetiver: Der Standard für Chypre-Düfte. Sehr rauchig, erdig, fast metallisch. Der „Schmutzig-Faktor“. Bekanntester Produzent: „Haiti Vetiver Oil“.
Bourbon-Vetiver (Réunion): Benannt nach der Insel Réunion (historisch „Île Bourbon“). Der Duft ist milder, holziger, weniger rauchig. Oft mit einer leicht balsamischen Note („Schokoladig“ im Vergleich zu Haiti).
Java-Vetiver: Aus Indonesien. Weniger rauchig, mehr „grasig“ und erdig. Wird oft für billigere Variationen verwendet.
Die Unterschiede liegen im pH-Wert des Bodens, den Trocknungsmethoden und destillativen Unterschieden.
Gewinnung (Matting & Destillation)
Die Ernte und Verarbeitung von Vetiver ist arbeitsintensiv. Die Wurzeln müssen lange getrocknet werden, um die Aromakonzentration zu erhöhen.
Der Prozess
Ernte: Die Wurzeln werden ausgegraben, gesäubert und von Erd befreit.
Matting (Trocknen): Die Wurzeln werden in der Sonne getrocknet („Mat“). Dies dauert oft Monate. Während des Trocknens oxidieren die Wurzeln, was die Farbe (dunkelbraun) und den Geruch (rauchig) entwickelt.
Dämpfen: Das getrocknete Wurzelmaterial wird gedämpft. Das Wasser kondensiert zu einem Öl (Vetiver Oil, VOE).
Extraktion: Für hochwertige „Absolues“ werden die Wurzeln mit Lösungsmitteln (Hexan, Benzin) ausgezogen, um die schwersten Moleküle zu erhalten.
Synthetik vs. Natur
Natur-Vetiver ist komplex, aber „dreckig“. Synthetische Alternativen wurden entwickelt, um die gewünschten Nuancen sauber zu reproduzieren.
Die Alternativen
Vetiver-Acetat: Ein synthetisches Molekül. Riecht nach grünem Apfel oder Pfirsich. Wird genutzt, um Vetiver frischer („Jung“) wirken zu lassen.
Vetiveryl: Ein halbsynthetisches Molekül (aus Natur isoliert). Riecht sehr „holzig“ und sauber, weniger erdig.
No-Grade Vetiver: Synthetisches Molekül, das die rauchige Note von Zigarrenrauch simuliert (wird oft in Chypre genutzt, um echtes Vetiver oder Eichenmoos zu ersetzen).
Klassische Chypre-Düfte nutzen fast immer eine Mischung aus naturalem Vetiver (für die Tiefe) und synthetischen Komponenten (für die Frische).
Verwendung & Beispiele
Vetiver ist ein „Chamäleon“: Es kann als Hauptnote (Signature) oder als Basisnote fungieren.
Klassiker
Guerlain Vetiver (1959/1961): Der Urvater des „Vetiver-Duftes“. Ein frischer, grüger, klassischer Herrenparfüm.
Terre d’Hermès (Hermès, 2006): Von Jean-Claude Ellena. Ein radikaler „Dirt-Scent“ (Erde-Duft). Der Vetiver wird als „mineralisch“ und „steinig“ interpretiert.
Encre Noire (Kilian, 2010): Eine fast getreue Reproduktion des Geruchs von Tusche und Pappe. Vetiver, Oud und Harze. Sehr dunkel.
Liste der 26 Stoffe: Sensibilisierung und Warnpflicht.
Best Practices & Checklisten
Checkliste Vetiver-Wahl
Präferenz für „Rauchig“ (Haiti) vs. „Holzig/Weich“ (Bourbon/Java).
Einsatz: Als Hauptnote (Herrenparfüm) oder als Basisnote (Chypre-Basis).
Duftverlauf: Vetiver ist oft langanhaltend („Base note dominant“).
Mini-Case: Terre d’Hermès vs. Guerlain
Problem: Wahl zwischen dem Klassiker (Guerlain) und dem Modernen (Terre). Entscheidung: Terre ist mineralisch/erdig (Radikal). Guerlain ist frischer, blumiger (Klassisch). Lösung: Für Office: Guerlain. Für Abend/Signature: Terre.
Troubleshooting
Duft riecht „schmutzig“ → Das ist der typische Haitianische Charakter (Rauch/Teer). Geschmackssache.
Duft riecht nach „Papier“ → Zu viel synthetisches No-Grade Vetiver (Tusche-Effekt).
Fazit & Ausblick
Vetiver ist das „Bleibende“ der Parfümerie. Es verankert flüssige Noten (Blumen, Zitrus) in der Erde und schenkt ihnen Haltbarkeit. Ob als klassische Herrenparfüm-Komposition oder als modernes Unisex-Draft (Terre d’Hermès), Vetiver bleibt das Symbol für Bodenständigkeit und Stil.
FAQ
Was riecht Vetiver?
Erdig, rauchig, holzig. Einige Sorten (Java) riechen frischer und grüser. Haitianisches Vetiver riecht oft nach Tabak-Teer.
Warum heißt es auch Khus?
„Khus“ ist der hindustanische Begriff für Vetiver. Oft wird „Khus“ für das sehr dunkle, ölige „Enrassé“ verwendet.
Ist Vetiver ein Gras?
Ja, *Vetiveria zizanioides* ist ein Gras. Duft wird aber aus den Wurzeln gewonnen, nicht aus dem Halm.
Was ist der Unterschied zwischen Haitianischem und Bourbon-Vetiver?
Haitianisches Vetiver ist sehr rauchig und erdig. Bourbon-Vetiver (Réunion) ist milder, holziger und weniger scharf.